Ich war sechs Monate lang vegan.

Ich habe es durchgezogen. Komplett. Und dann stand ich irgendwann in der Innenstadt und roch einen heißen Döner. Was das bedeutet, nach sechs Monaten ohne Fleisch, kann ich kaum beschreiben. "Folter" ist kein Witz, das ist das richtige Wort.

Ich hatte bewiesen, dass ich Willenskraft habe. Und trotzdem war ich nicht glücklich. Hut ab an alle, die mit veganem Leben erfüllt sind. Für mich war das kein Weg.

Was mit Willenskraft passiert

Ich habe das auch mit Süßigkeiten gemacht. Wochenlang kein Riegel, keine Schokolade. Jedes Mal, wenn jemand anderes etwas auspackte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ich hatte mir etwas bewiesen. Aber ich hatte echte Lebensqualität aufgegeben.

Das ist die Falle mit Willenskraft: Sie funktioniert. Eine Weile.

Warum es im Büro anders läuft

Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich auf der Arbeit disziplinierter bin. Die Antwort ist nicht, dass ich dort ein besserer Mensch bin.

Im Büro gibt es keinen Kühlschrank, den ich einfach aufziehe. Keine Schublade voller Snacks. Ich stehe nicht ständig vor dieser Entscheidung. Das Umfeld erledigt die Arbeit.

Zu Hause liegt die Schublade direkt neben mir. Das kostet Kraft, immer wieder Nein zu sagen. Irgendwann ist diese Kraft weg.

Der Wechsel, der mir geholfen hat

Ich habe kein Willenskraftproblem gelöst. Ich habe aufgehört, Willenskraft dafür zu verbrauchen, was ich nicht essen darf.

Das Prinzip: Ich habe ein Kalorienbudget. Alles passt rein, solange das Budget stimmt. Heute ein Snickers? Kein Drama, kein Kompensationsgedanke, kein Binge am Abend weil ich "eh schon gesündigt" habe.

Das Binge Eating kam früher genau dann, wenn ich zu lange abstinent gegessen hatte. Das System hat diesen Mechanismus gebrochen.

Was kein Aufwand ist

Essen tracken. Das kostet null Überwindung. "Kein Bock" ist eine schäbige Ausrede, weil es fünf Sekunden dauert.

Das Ergometer ist ehrlicher. Ich will manchmal morgens wirklich nicht. Dann stelle ich mir vor, wie mein Sohn jemandem sagt: "mein Papa ist voll durchtrainiert." Die ersten zehn Minuten sind trotzdem schlimm. Danach läuft es von alleine.

Brauche ich noch Willenskraft?

Ja. Klar. Verhaltensveränderung ist unangenehm. Das verändert sich nicht.

Aber ich verbrauche sie nicht mehr dafür, ob ich ein Stück Schokolade essen darf. Ich stecke sie ins System selbst, damit das System läuft.

Grillen bei der Schwiegermutter? Kein Problem. Ich mache mit und hake den Tag ab. Auf sowas verzichte ich nicht.

Das war der Wechsel, der mir 22 kg gebracht hat.

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